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insane heros 2003

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play them!

 

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KNUFER
STRIKES
BACK

HELDEN DES WAHNSINNS 2003



Darauf hat die Welt gewartet. Nach langwierigen Vertragsverhandlungen spielen Knüfer und Leidig endlich wieder. Es werde Niederlagen hageln, hatte Knüfer noch auf der Abschlußveranstaltung des letzten Wettkampfes erklärt, der mit einer deutlichen 4½ : 1½ Niederlage für ihn endete. Um seinen Ambitionen Ausdruck zu verleihen, hat er sich eine lustige Darth Vader-Maske zugelegt und erschien so auch zur offiziellen Pressekonferenz. Kasparow, ebenfalls anwesend, fand es zum Totlachen.

Ein gut gelauntes Podium dank Knüfers großer Karnelvalnummer.

Die Kontrahenten haben sich auf acht Partien geeinigt. Die Zeitkontrolle ist verlängert worden. Für die ersten vierzig Züge stehen 90 Minuten zur Verfügung, danach erhält jeder noch einmal 30 Minuten für den Rest der Partie. Damit ist zu hoffen, daß dem Publikum diesmal spannende Endspiele geboten werden. Als Preisgeld geht es um eine Flasche Champagner pro Gewinnpunkt, vergeben wird der Titel »Held des Wahnsinns«. Gespielt werden sollen zwei Partien in drei Wochen; allerdings hat Knüfer bereits diverse Terminschwierigkeiten vorgeschoben und den angesetzten Termin für die zweite Partie eigenmächtig verschoben. Leidig akzeptierte dies und teilte mit, daß er keine Beschwerde bei FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov einreichen werde, der schon genug Ärger mit der Begegnung zwischen Kasparow und Ponomariov hat.

Das Motto der Veranstaltung stammt diesmal von Robert Pinget. Es ist dem Band Kurzschrift. Aus Monsieur Traums Notizheften entnommen:

Freudig wieder das entsetzliche Joch aufnehmen.

 

ROUND 1

Knüfer eröffnete mit dem Königsbauern und Leidig anwortete c5. Ein Zug, der nur bedeuten kann: I play to win. Mutig wählte Knüfer die sizilianische Hauptvariante, und Leidig stellte den aggressiven Pelikan-Aufbau dagegen. Offenbar geschockt zog Knüfer, der im Vorfeld von großen Siegen gesprochen hatte, im sechsten Zug den Schwanz ein und seinen Springer zurück nach b3.

Knüfer vor dem sechsten Zug.

Nach 6.Sb3 Lb4 wählte Knüfer das harmlose 7.Ld3, worauf naturgemäß d5 folgt. Achtlos zog er 8.a3? und erhielt nach 8... Lxc3 9. bxc dxe 10.Le2 Dxd1+ 11.Lxd1 eine strategisch verlorene Stellung. Nach 39 Zügen und nur weniger als zwei Stunden Spielzeit, mit drei Bauern weniger auf dem Brett, streckte Knüfer die Waffen.

Karl Schlechter, verhungert 1918.

Den defensiven Springerrückzug nach b3 hatte Karl Schlechter 1910 in der 9. Partie seines WM-Kampfes mit Lasker gespielt, die Partie endete mit einem Remis. Wessen Bruder im Geiste hat sich Knüfer da ausgewählt? Der arme Schlechter war 1918 verhungert, weil er von niemanden etwas annehmen wollte; Knüfers erste Partie verhungerte, da er jegliche Hilfe der Eröffnungstheorie ablehnt. Leidig zeigte Mitgefühl für seinen Herausforderer: »Der Springerrückzug ist freilich spielbar, aber Weiß darf dann kaum auf Eröffnungsvorteil rechnen. Schwerer wiegt noch, daß Knüfer, der sonst jegliche Angriffschancen sucht, aller Initiative beraubt ist. Zumal nach dem Fehlgriff 8.a3?. Ich konnte den Mehrbauern sofort zurückgeben, um ein für Schwarz gewonnenes Endspiel zu erhalten. Kollege Knüfer, immer am Rand des Wahnsinns, ist niemand, der wie Schlechter auf Ausgleich bedacht ist. Sollte er sich weiter Züge von ihm borgen, wird das ein leichter Wettkampf.«

Die Odyssee des Knüferschen Königsspringers.

In der anschließenden Analyse zeigte Leidig, wie trostlos sich das Herumgeirre des Anziehenden nach dem achten Zug ausnahm: »Von seinen 39 Zügen hat Knüfer allein 10 mit seinem Königsspringer ausgeführt. Für die Bauernschwächen hat Weiß keine Kompensation, seine Figuren fanden nie ein Zusammenspiel.« Die Frage eines englischen Schach- journalisten nach dem gewählten Eröffnungssystem beantwortete er mit: »You know, Larsen once called the Sicilian Pelikan ›one of the most terrible methods of mass destruction‹. It has just been proofed another time.«

»Die erste Flasche Champagner ist gewonnen«, freute sich Leidig. »Wenn Knüfer sein Repertoire nicht repariert, werde ich mir einen größeren Kühlschrank zulegen müssen.«


Leidig 1 – Knüfer 0



ROUND 2

Mit einer weiteren Niederlage für den Herausforderer Knüfer endete die zweite Partie des Wettkampfs. Knüfer, der am Spieltag verlauten ließ, diesmal werde die Macht mit ihm sein, gab nach 37 Zügen auf, nachdem er im Endspiel einen Springer eingestellt hatte. »Da muß er etwas verwechselt haben«, spekulierte Leidig hinterher, »schließlich steht er mit seiner Darth-Vader-Nummer auf der dunklen Seite der Macht. Da kann die Macht gar nicht mit ihm sein, sondern höchstens gegen ihn.«

Auf Leidigs Eröffnung mit dem Königsbauern wählte Knüfer die Caro-Kann-Verteidigung. »Durchaus eine Überraschung«, wie Leidig bemerkte. »Schließlich hat er vollmundig große Siege angekündigt, und dann wählt er eine defensive Eöffnung, in der der Nachziehende auf Ausgleich setzt. Ich hatte damit gerechnet, daß Knüfer mindestens die sizilianische Kalashnikov-Variante spielt, oder ich gegen ein Najdorf-System antreten muß. Aber Caro-Kann? Das bedeutete bereits ein Zugeständnis. Der Verlust der ersten Partie hat Knüfer offenbar stark zugesetzt.«

Auffallend fand Leidig auch Knüfers Anbiederung an das Nachbarland: »Schon wieder Österreich. In der ersten Partie den Zug von Schlechter, nun ein Eröffnungssystem, das von den Wiener Meistern Caro und Kann herrührt. Damit hilft Knüfer vielleicht dem österreichischen Tourismusverband, aber ob es schachlich die richtige Wahl ist?«

Begeisterung diesseits der Alpen.

Nach fünf Zügen tauschte Knüfer seinen weißfeldrigen Läufer gegen einen Springer. »Typisch«, kommentierte Leidig, »da er als Lord Vader alles auf Schwarz setzt, wird er schwach auf den weißen Feldern. Das konnte ich ausnutzen.« Nach nur vierzehn Zügen war Knüfer bereits überspielt; er hatte aber eine Finte parat, auf die Leidig hereinfiel. »Mit dem Ergebnis der Eröffnung durfte ich mehr als zufrieden sein – und dann diese Achtlosigkeit«, ärgerte er sich.

Weiß vor seinem 15. Zug. Schwarz hat zuletzt 14...Dd8 gespielt.

Vorschnell zog Leidig 15.fxe5?. Nach der Antwort 15...Sxe4! entstand eine komplizierte Mittelspielstellung. Der Titelverteidiger fiel in tiefes Nachdenken: »Nachdem ich geprüft hatte, daß das kurzfristige Damenopfer 16.dxe4 nicht spielbar ist, überlegte ich lange, wohin die Dame ziehen muß. Entschieden habe ich mich für Df3, um den Zug g3 zur Verfügung zu haben, lag damit aber falsch, wie die spätere Analyse ergab. Nach 16.Df3 hat Schwarz die einfache Abwicklung 16...Sxd2 17.Kxd2 Sxe5 18.Sxe5 Da5+ 19.Kd1 Dxe5 parat und erhält einen Mehrbauern bei besserer Stellung. Nach 16.Df4 Sg3 wäre das Spiel höchst interessant geworden.«

Knüfer wollte sich nach 16.Df3 das Läuferschach nicht entgehen lassen; Leidig verzichtete auf die Fortsetzung 16...g3 und spielte 17.Kf1, da der Anziehende, wenn er mit dem Springer auf h1 schlägt, in eine Mattfalle getappt wäre. »Leider ist das nicht passiert«, monierte Leidig larmoyant. Es enstand ein ausgeglichenes Endspiel, in welchem Weiß einen Freibauern auf d6 verteidigen muß. Beide Kontrahenten fanden mit nur wenigen Minuten auf der Uhr bis zur Zeitkontrolle nicht immer die stärkste Fortsetzung. Im 32. Zug patzte Knüfer entscheidend.

Knüfer am Zug. Der Fehler steht bevor.

Knüfer zog 32...Kf5??. Nach 33.Te5+ geht der schwarze Springer verloren und Knüfer mußte sich nach wenigen Zügen geschlagen geben. »Ein altes Lied«, wußte Leidig. »Da hat man endlich Ausgleich erreicht, der Gegner öfters den Gewinn ausgelassen, und grade dann kommt der Patzer. Nicht unüblich im Schach – aber stilisieren sie es bitte nicht gleich zu einem ewigen Gesetz!« ermahnte er die anwesenden Journalisten, die er darauf mit der Frage: »Kennen Sie das Gedicht Schach von Johannes R. Becher?« zu überraschen wußte.

Der Felder Zahl, die Züge sind gegeben,
Und es beginnt das zauberhafte Spiel!
Ein über tausend Jahre altes Ziel,
Dem wir, figurenreich, entgegenstreben.

Mag die Eröffnung oft beschrieben sein
Und kann man sich an das Bewährte halten,
Im Mittelspiel mußt du dich frei entfalten
Und nimmst niemals die gleiche Stellung ein.

Oft ein Erinnern, als wäre das
Schon einmal dagewesen, aber der
Ansturm der Bauern ist viel stärker jetzt –

Endlose Vielfalt im gegebenen Maß
Und eines Gleichen Nimmerwiederkehr,
Wird auch ein König wieder mattgesetzt...

»Die ganze Geschichtsklitterung einmal beiseite gelassen«, erläuterte der Titelverteidiger, »es ist verkehrt, Schach und Leben dergestalt gleich zu setzen. Wenn Knüfer patzt, dann nicht aufgrund dialektischer Gesetze und solchem Unfug – er patzt halt einfach.« Zum Zusammenhang von Schach und Revolution führte er weiter aus: »Lenin soll gesagt haben: ›Schach ist allzu interessant, deshalb habe ich es aufgegeben‹. Viele Tote wären uns vielleicht erspart geblieben, wenn er weiter gespielt hätte.« Ein Drama: »Da hatte so mancher Kommunist endlich etwas gefunden, was ihm Spaß macht, und dann hören sie gleich wieder auf, weil sie befürchten, irgendeiner revolutionären Aufgabe nicht gerecht zu werden. Ein Zwangssystem.« Auf seine eigene Affinität zum Schachspiel angesprochen, formulierte Leidig:

»Ich hingegen spiele Schach, weil es nicht revolutionär ist.«


Leidig 2 – Knüfer 0



ROUND 3

In einer hochdramatischen dritten Partie erkämpfte sich der Titelverteidiger einen weiteren Punkt und liegt nun mit 3:0 in Führung. Dabei mußte Leidig bange Minuten überstehen: Obwohl Knüfer im Mittelspiel eine Figur eingestellt hatte, gelang es ihm, Leidig auszukontern und ein theoretisch gewonnenes Endspiel zu erhalten. Planlos verdarb er dieses jedoch und verlor die Partie kläglich. »Der Titel der Veranstaltung ist offenbar mit Bedacht gewählt worden«, witzelte Leidig: »Schließlich heißt es KNUFER STRIKES BACK und nicht KNUFER WINS.«

Zunächst verlief der Abend ruhig. Knüfer eröffnete mit dem Doppelschritt des c-Bauern, worauf Leidig seinen f-Bauern zwei Felder vorschob. Darauf antwortete Knüfer mit dem exzentrischen Damenzug Dc2. »Im zweiten Zug die Dame«, kritisierte Leidig, »das war bereits der Anfang vom Ende. Ich konnte im Geiste des Tschigorin-Systems der englischen Eröffnung meine Bauern problemlos auf d6, e5 und f5 plazieren, und Weiß verfügt nicht mehr über die prinzipielle Antwort d4.«

Am Ende der Eröffnung stand Knüfer ein weiteres Mal vor einem Scherbenhaufen. Leidig hatte das Zentrum besetzt, Raum erobert, seinen König in Sicherheit gebracht, dazu noch einen Mehrbauern. Knüfer wollte seinen Läufer mit Tempo entwickeln, gab Leidig damit aber die Möglichkeit zu einer Abwicklung in ein für Schwarz günstiges Endspiel. Als Knüfer noch einen Springer einstellte, sah es nach einem Debakel aus: Nach weniger als zwanzig Zügen war die schwarze Stellung aufgabereif.

Weiß am Zug. Knüfer verschenkt seinen Springer mit 19.a3??.

»Statt die Uhren anzuhalten, hemmungslos zu weinen und sich nach Hause zu trollen«, erinnerte sich Leidig, »spielte Knüfer jedoch getrost weiter, verband seine Türme und griff über die geöffnete h-Linie die unsichere weiße Königsstellung an. Da ich eine Figur mehr auf dem Brett hatte, zollte ich diesem Angriff nicht genügend Beachtung und wäre am Ende dafür fast hart bestraft worden: nach 31 Zügen hatte Knüfer den Spieß umgedreht und eine für ihn gewonnene Stellung auf dem Brett.«

Stellung nach 31.Txd7. Wird dies Knüfer zum Gewinn ausreichen?

Noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse stehend schilderte Leidig: »Ein Wechselbad der Gefühle: Ganz unvermittelt hatte ich eine Verluststellung auf dem Brett, etwas mehr als zehn Minuten bis zu Zeitkontrolle und noch mehr als zehn Züge auszuführen. Es galt zwei Probleme zu lösen: Züge zu finden, die zumindest theoretisch noch eine Chance einräumten, und falls der Sieg wider Erwarten doch noch gelingen sollte – das Spiellokal wieder lebend zu verlassen.«

Leidig weiter: »Seit er sich in Vorteil befand, hatte Knüfer angefangen, am Brett vor sich hinzubrabbeln. Ich verstand nur Satzfragmente: ›Alles lächerlich‹, ›Klötenquetscher‹ und ähnlich unverständliches Zeug. Da Sicherheitspersonal nicht anwesend war, entschied ich mich dafür, ruhig weiterzuspielen. Nach knapp drei Stunden Spielzeit und diversen alkoholischen Erfrischungsgetränken hatte sich Knüfer offenbar in Trance gespielt. Und da ich selber grade eine Gewinnstellung vermurkst hatte, warum sollte das Knüfer nicht auch gelingen? Es wäre ja nicht das erste Mal.« Die objektive Analyse sah freilich duster aus: »Dieses Endspiel ist für Schwarz hoffnungslos; die einzige praktische Chance, die ich sah, war mit dem König nach f3 zu laufen, den weißen Bauern auf f2 zu erobern, und dann einen Durchbruch zu organisieren, damit der e-Bauer zur Dame laufen kann. Weiß kann diesen Plan natürlich leicht vereiteln.« Das Unerwartete geschah: »Zu meinem Erstaunen ließ Knüfer meinen König nach f3, der Bauer auf f2 fiel und mit einem Springeropfer gelang der Durchbruch, so daß der e-Bauer zur Dame laufen konnte. Manchmal kann Schach so einfach sein.«

Knüfer spielt 37.exd4?? und verliert.

Der hochdramtische Charakter der Partie war naturgemäß auch Inhalt der Pressekonferenz. Hier ein Ausschnitt des englischen Teils:

Julie Burchill (New Musical Express): Mister Leidig, would you say you were lucky this time?

Leidig: Oh, baby, you know, to be successful in the end it needed a fuckin' lot of luck this time, but, you know, the nature of the game is fight. You always have to be ready to fight.

Saul Singer (Jerusalem Post): Your opponent's behaviour looks pretty suspicious sometimes. Do you see any connections to Islamic Djihad or other terrorist organizations?

Leidig: No. Knufer's chess seems strange sometimes, but the guy is okay.

****** ******* (****** ********* *******): It looked like there was enormous pressure on both of you. Could you give us a statement concerning health?

Leidig: Sure. Remember Colonel Kurtz? His monologue on horror: »It is impossible for words to describe what is necessary to those who do not know what horror means.« And he continues: »Horror has a face.« Well, Knufer might have found his horror in me. He is driven by the idea of winning but he will be defeated. And to quote the Colonel one more time: Knufer has a right to kill me, but he has no right to judge me.

Francis Ford Coppola (Hollywood): Is there any drug-testing?

Leidig: According to our regulations: no. Smoking is allowed. And my opponent might be sponsored by Prorax. In the negotiations before the match he was even talking of Noxiptilin, Memoq und Loprozolam.

(Laughter in the audience.)

Roswin Finkenzeller (FAZ): Did you ever think of resignation?

Leidig: Sure, the position was resignable. But the amount of Wodka-Orange Knufer already loaded made me play. One might talk of prearrangement. You know, there was no coffee available when we started playing, so I had to rely on beer. Just before I entered the stage, Knufer had a chat with the barmaid. But this just leads to insane thoughts. No need for it. 64 squares, 32 pieces, just play it out.

Dagobert Kohlmeyer (Beyer-Verlag): The knight-sacrifice was incorrect, wasn't it?

Leidig: Of course. But still the best move. In a bad position you are forced to make bad moves. White does not need to capture and still wins. But Knufer was pawn-hungry before, so there was a good chance, that he might be horse-hungry, too.

(Laughter in the audience.)

Franz Josef Wagner (BZ): Any expectations for the forthcoming matches?

Leidig: Concerning the opening: I doubt whether Knufer lets me play the Pelikan another time, but he cannot be satiesfied with his results of the English. Anyway, we will see true fighting chess.

Mit Paul Valéry muß man sich nach dieser Partie die Frage stellen: »Wie hat es nur zu einem solchen Grade von Laxheit kommen können?« Doch die Antwort fällt nicht schwer; Aleksei Suetin gibt sie metaphernreich: »Im praktischen Kampf sind die Nerven der Spieler bis zum Äußersten angespannt, und daraus resultiert nur allzuoft eine gewisse Überforderung. Genau in diesem Augenblick kann der trübe Strom der Fehler den Damm durchbrechen und uns um die Früchte der vorangegangenen Bemühungen bringen.« Der zum weiteren Beraterkreis von Knüfer gerechnete Vladimir Kramnik zeigte sich deprimiert angesichts der erschreckenden Enspielschwäche seines Schützlings:

Weltmeisterlicher Rat für den Herausforderer.

»Wenn das so weitergeht, sind vielleicht acht Flaschen Champagner möglich«, blickte Leidig gutgelaunt in die Zukunft.

Leidig 3 – Knüfer 0



ROUND 4

(Hinweis: Zur Wahrung von Persönlichkeitsrechten mußten Teile des folgenden Abschnitts geschwärzt werden. Der Herausgeber nimmt dies akzeptierend zur Kenntnis, möchte aber hinweisen auf Johannes 8,31: »Die Wahrheit wird euch frei machen.«)

Unaufhaltsam erscheint der Zusammenbruch der Knüferschen Herausforderung. Nach etwas mehr als zwei Stunden Spielzeit und nur 29 Zügen stellte Knüfer die Uhren ab und gestand die Niederlage ein, die durch einen schweren Fehler im 11. Zug unabwendbar geworden war. Zu diesem Zeitpunkt der Partie hatte er nicht einmal fünfzehn Minuten seiner Bedenkzeit verbraucht. Leidig führt nun mit 4 zu 0, und für den Rest des Wettkampfs bleibt nur eine Frage übrig: Wie lange wird es beim nächsten Mal dauern?

Knüfers Kalashnikov erwies sich als Rohrkrepierer.

Der die schwarzen Figuren führende Knüfer wählte diesmal die sizilianische Verteidigung – und zwar die moderne Kalashnikov-Variante. Leidig antwortete mit der soliden Fortsetzung 6.c4, worauf Knüfer seinen Königsspringer nach f6 beorderte. Ein höchst selten gespielter Zug. Ein fragwürdiger Zug.

Knüfer geht in der Eröffnungstheorie weiter eigene Wege.

Verfechter dieses Zuges dürften schwer zu finden sein. Bengt Ingemar Vengt hat ihn allerdings dreimal gespielt, zuletzt bei der Blindenschacholympiade in Zakopane. Ohne Erfolg, nach 26 Zügen mußte er gegen Hinko Cajzler die Segel streichen. Aus Berlin ist zu vermelden, daß es einem unter dem seltsamen Pseudonym Colonel Walter Kurtz antretenden Schachspieler mit der gewählten Zugfolge noch ärger erging: beim Kreuzberg Open 2001 war bereits nach 16 Zügen Schluß. Überhaupt verzeichnen die Weißspieler gegen 6.Sf6 ansehnliche 66%. In 38 Partien zwischen 1982 und 2003 kam besagte Stellung aufs Brett – extrem wenig bei 2,5 Mio. untersuchten Partien – mit folgenden Ergebnissen: 22+ 6= 10-. Der schwarze Standardplan in der Kalashnikov-Variante sieht einen Abtausch der schwarzen Läufer vor, deswegen beläßt der Nachziehende seinen Springer auf dem Ausgangsfeld und spielt direkt 4...e5. Wie will er rechtfertigen, wenn er im sechsten Zug doch seinen Springer zieht? Das Fehlen einer einheitlichen strategischen Linie darf als Ausgangspunkt einer unheilvollen Verkettung gesehen werden, an deren Ende Knüfers Patzer im 11. Zug steht.

Schwarz vor dem 11 Zug. Gleich kommt der Patzer.

Hier spielte Knüfer 11...f5?. Nach 12.Dh5+ ist die Stellung aufgabereif. Knüfer zog es jedoch vor, noch ein paar Züge zu machen, bevor er dann im 29. Zug mit einem Matt in drei Zügen konfrontiert war.

Das Ende der Knüferschen Herausforderung. Schwarz wird matt.

Es ist zu erinnern an Lew Polugajewskis Worte zur sizilianischen Verteidigung: »Man darf nie vergessen, daß viele Varianten dieser Eröffnung außerordentlich scharf , kompliziert und in angespanntem Kampf verlaufen und daß eine freie Interpretation schachlicher Gesetze hier traurige Folgen hat.« Unzulängliche Eröffnungsvorbereitung, fehlendes Endspielwissen, mangelhafte sportliche Einstellung, nicht vorhandenes Risikomanagement, ungenügende Nachbereitung, womöglich nicht einmal Ernährungsberatung und spiritueller Beistand: die Liste der Knüferschen Versäumnisse ist endlos. Wer glaubt noch an das in diesem Wettkampf immer noch mögliche Unentschieden? Der dem Wettkampf als Experte für Facility Management beiwohnende ****** ******* von »****** ********** *******« erteilte dem Herausforderer daher den Ratschlag:


Die Pressekonferenz wurde traditionsgemäß mit einer Frage der von Leidig hochgeschätzten Kolumnistin und Romanautorin Julie Burchill ( Die Männer der Maria V. ) eröffnet:

Julie Burchill (New Musical Express): Do you think your opponent will have a comeback?

Leidig: Good question, honey. We believe the guy is done. His standing at the board was miserable today. You know, he started thinking when it was already too late. But no complaints about it from my side. It was just a quickie today.

(Laughter in the audience.)

Dagobert Kohlmeyer (Beyer-Verlag): Mister Leidig, after the first game you said, you had expected the Sicilian Kalashnikov. Today Knufer really played it, but obviously unprepared – or what would you say concerning knight f6?

Leidig: Unprepared is correct. You know, one might call the knight move to f6 subversive, because Knufer made me step into unknown territory. I spend a lot of time before I moved bishop to g5, what I thought to be the most principal answer. In analysis afterwards I discoverd, that this move was played by nobody ever before, maybe there is something wrong with it. Of course, if Knufer does not blunder on move 11, things are not so clear. But when we were starting out, I fearlessly faced knight f6, because to me the message was: Hey, he is playing the Kalashnikov, but he doesn't know what he is doing.

****** ******* (****** ********** *******): Very interesting evening indeed, but what has it all to do with facility management?

Leidig: Oh, to be frank: It has nothing to do with facility management. But we appreciate your presence here. We all love »****** ********** *******«.

(Laughter in the audience.)

Michel Houellebecq (Paris): Did you already order a bigger fridge? You might win eight bottles of champagne.

Leidig: Not yet. But you will be invited. I have to tell you the latest of Bernard Lewis.

Roswin Finkenzeller (FAZ): Your opponent does not look very ambitious any more. Would you say he fulfills the requirements to be a serious competitor, to be part of what is called in German the »Leistungsgesellschaft« ?

Leidig: May I quote Suetin here: »Im Sport vermag man ohne Ehrgeiz und Härte nie den Gipfel zu erstürmen.« Obviously this is no description of Knufers virtues. Concerning chess this guy has too much of what is called in English a »couch potato«.

(Laughter in the audience.)

Franz Josef Wagner (BZ): Any expectations for the forthcoming matches?

Leidig: As I said before, Knufer is done. Now it is just half of a point to gain the title. Our team has absolutely no objections that we will make it. Knufer has no answer to 1.e4. And his repertoire with white might meet the requirements for a draw, to be friendly. We get the title. We get the champagne. No way. If you want to bet, bet on me.

Wolfgang Pohrt (Stuttgart): A last word to our German listeners?

Leidig: Gerne. Ich möchte schließen mit einem Haiku von Bashô:

Am Rande des Wegs
wurde die Malve vom Pferd
einfach gefressen.



Leidig 4 – Knüfer 0



ROUND 5

Kreuzberg, Pörx, den 7. November 2003, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Herausforderer Knüfer greift zum Kugelschreiber, zaudert einen Moment, dann unterschreibt er das Formular. Aufgabe.

Ein, zwei Sekunden ist es still im Saal, dann bricht der Jubel aus. Mit stehenden Ovationen feiern die Zuschauer den neuen Helden des Wahnsinns. Leidig steht vom Schachbrett auf, die ernste Miene auf seinem Gesicht löst sich, er tritt an den Rand des Podiums und, zum Publikum gewandt, hebt er die Hände zur Siegerpose. Keine arrogante Geste, sondern der verständliche Ausbruch der Freude eines Menschen, der sein Ziel erreicht hat. Und nun rast das Publikum, große Gruppen schnauzbärtiger Männer, denen man die hessische Herkunft deutlich ansehen kann, fangen an zu tanzen, sie umarmen und küssen sich...

Gerade in diesem Augenblick des Triumphes des neuen Schachkönigs wollen wir den Herausforderer Knüfer, der in aller Stille und unbeachtet die Bühne verließ, nicht vergessen.

Die Welt huldigt den Siegern und ist grausam mit den Besiegten. Jahrelang stand der Herausforderer Knüfer im Mittelpunkt, nun schlägt das Pendel in eine andere Richtung. Doch Knüfer hielt sein Wort der spielende Herausforderer zu werden, und er bewies seine Klasse immer wieder aufs neue durch glanzvolle Niederlagen in stärkster Konkurrenz bei unzähligen Turnieren der Spitzenklasse. Sein Vorgänger Fischer mag ein noch größerer Schachmeister gewesen sein, doch er stellte sich nicht.

Nicht alles, was der Mensch Knüfer gesagt und getan hat, wird jedermann unterschreiben wollen, doch der Schachspieler Knüfer verdient Respekt. Gerade jetzt, im Augenblick seiner Niederlage, sollte gesagt werden: Er war ein würdiger Herausforderer!

War Helden des Wahnsinns 2003 nun der dritte Jahrhundertkampf, wie viele erwartet oder erhofft hatten? Wir wollen uns darüber kein Urteil erlauben. Die Geschichtsschreibung des königlichen Spiels wird einmal dem Kreuzberger Duell dieses Prädikat verleihen – oder auch nicht. Doch eines steht fest: Es war ein großer faszinierender Kampf, der nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.

Leidig am Ende eines erfolgreichen Arbeitstages.

Werfen wir noch einen Blick zurück auf die entscheidene fünfte Partie. Sie dauerte nur 19 Züge und etwas weniger als eineinhalb Stunden Spielzeit. Sie war damit die kürzeste Partie des gesamten Wettkampfs. Der sich in miserabler Verfassung präsentierende Knüfer wurde vom aggressiven Aufbau des Titelverteidigers überrollt. Mit einem in dieser Höhe nicht für möglich gehaltenen Kantersieg gewinnt Leidig den Titel Held des Wahnsinns 2003 – und das an einem historischen Datum: fast auf den Tag genau vor 18 Jahren gelang es Garri Kasparow, den amtierenden Weltmeister Antoli Karpow zu besiegen und den Thron der Schachwelt zu besteigen.

Knüfer eröffnete mit dem Königspringer und Leidig antwortete mit dem Bauernzug f7-f5, es entstand daraus eine Holländische Partie. Der Titelverteidiger stellte sich den Leningrader Aufbau aufs Brett, der Herausforderer verzichtete auf das übliche Fianchetto des Königsläufers und ging dazu mit den Eröffnungstempi recht freizügig um: Erst zog Knüfer seinen Damenläufer nach g5, um dann vom Abtausch auf f6 abzusehen und ihn nach d2 zurück zu beordern; im 7. Zug zog er einen Springer von f3 nach h4, um ihn im 8. Zug wieder auf f3 zu plazieren. Der schwarzen Expansion am Königsflügel mag mancher mißtrauisch gegenüber stehen; der Angriff muß exakt geführt werden, wenn er erfolgreich sein soll, und der Anziehende verfügt meist über mehrere gute Paraden. Doch spielt Weiß zu passiv, kann das katastrophale Folgen haben. So geschah es. Knüfers üblicher Patzer war reine Formsache. Im 15. Zug machte er den die Partie sofort entscheidenen Fehler. Allerdings stand er zu diesem Zeitpunkt bereits auf Verlust.

Knüfer spielt 15.f3?? und geht nach 15..Dxh4+ unter.

Es folgten noch genau vier Züge. Danach sah Knüfer ein, um mit Beckett zu sprechen, daß Beharren sinnlos wäre. Das Ende des Kampfes war erreicht.

Die Abbruchstellung.

Schwarz hat drei Bauern mehr, zwei seiner Bauern sind bereits bis auf die dritte Reihe vorgedrungen. Der weiße Herrscher ist unparierbaren Drohungen ausgesetzt. Ein Desaster. Noch in der Nacht erklärte Knüfer, er gebe die drei restlichen Partien auf. Er sei am Ende. Kampflose Aufgabe. Resignation. Wie aus diplomatischen Kreisen zu erfahren war, mag sich dahinter eine Strategie verbergen, die anstehenden Preisgeldforderungen zu hintertreiben. Schwierige Verhandlungen werden erwartet. Die Fakten sind jedoch klar: Pro Gewinnpunkt steht Leidig eine Flasche Champagner zu. Nach der Aufgabe beim Stand von 5 : 0 macht dies fünf Flaschen plus drei Flaschen für die restlichen Partien. Leidig gewinnt acht Flaschen Champagner. Der neue Held des Wahnsinns 2003 erklärte allerdings dazu, daß ihn die geistige Genugtuung des ungetrübten Sieges glücklich stimme und er sich bereits mit einer Flasche Cremant de Limoux zufrieden geben würde. Auf der Pressekonferenz zitierte er diesbezüglich aus dem Roman Die Waffen der Susan Street seiner Lieblingsautorin Julie Burchill:

DAS BEWUSSTSEIN, AM RUDER ZU SITZEN, WAR EBEN DURCH NICHTS ZU ÜBERTREFFEN.

Den Abertausenden von Zuschauern, die dieser Wettkampf in seinen Bann gezogen hat, die angesichts der abgesagten drei Schlußpartien vor dem Nichts stehen, darf beruhigend das Folgende mitgeteilt werden. Knüfer hat die Aufgabe mit einer erneuten Herausforderung verknüpft: sechs Partien, die er so ernst nehmen werde, als ginge es um sein Leben. Eine Ankündigung, die es verdient, wiederholt zu werden. Knüfer will sechs Partien gegen Leidig spielen,

ALS GINGE ES UM SEIN LEBEN.

Wir dürfen gespannt sein. So wie es die Zuschauer der beliebten Talkshow »Sonja« waren, die sich, zwar betrübt über die Niederlage ihres Idols Knüfer, extra lustige Weihnachtsmannmützen aufgesetzt hatten und insgeheim bereits Hoffnungen auf große kommende Siege hegten. Doch wer mag daran schon glauben. Doch nur der Weihnachtsmann.

 

Leidig 5 – Knüfer 0 (Aufgabe Knüfer)

 

 

 

 
   

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